Hingeschaut (13): Non-Sequitur

Update: Jean Giraud alias Moebius ist am 11.03.2012 in Paris verstorben. Ich nehme diese traurige Nachricht zum Anlass einen alten Hingeschaut-Blogeintrag noch einmal ganz nach oben zu hieven – als kleine Hommage an den wichtigsten europäischen Comiczeichner, der uns zu früh verlassen hat.

Wir werden dich vermissen.

Nach einem zweiwöchigen Sabbatical – wegen Wiesn-Besuch und Virusschädigung – werde ich jetzt jede Woche wieder Comics nach einsamen und verlorenen Panels absuchen und diese in meiner Serie „Hingeschaut“ zunächst einzeln unter die Lupe nehmen, ohne dabei zuviel auf Zeichner, Story oder jedwede andere Ablenkung zu achten.

Wenn es was hermetisch ist, dann ist es laut Definition „luftdicht“ oder „undurchdringlich“. Dieser Zustand bietet sich für viele Gegenstände und Räume an, nicht jedoch für eine Garage. Die soll ja nicht nur dazu dienen Fortbewegungsmittel zu beherbergen, sondern so durchdringlich und offen sein, dass selbige sie anschließend wieder verlassen können.

Die hermetische Garage, in der das Panel der Woche luftdicht eingeschlossen ist, stammt von Moebius (aka Jean Giraud), dem wohl bekanntesten europäischen Comiczeichner schlechthin. Auf Seite 17 der deutschen Neuauflage von Cross Cult findet sich ein langgezogenes rechteckiges Panel, das die ganze Breite der Seite einnimmt. Das Panel ist im Layout der Seite an zweiter Stelle positioniert.

Wir beginnen uns auf dem länglichen Panel zu orientieren. Wie bei dem ausgestorbenen IMAX-Kinoformat scannt das Auge von links nach rechts der Breite entlang und versucht dabei möglichst viele visuelle Informationen aufzunehmen: ein Auge, Köpfe, dunkel, zwei Sprechblasen inklusive Personen und ein heller weiter Raum. Sehen wir uns diese Informationen im Details an.Am linken Rand sticht eine weibliche Figur, deren Kopfbedeckung denen der anderen entspricht, aus dem Rest der Gruppe heraus. Sie schaut uns direkt mit ihrem Auge an und wirkt so wie ein Fremdkörper der ansonsten homogenen Gruppe. Der Fokus auf die Gesichter der Figuren wird durch den komplett schwarzen Hintergrund verstärkt. Erst ab der Mitte des Panels löst sich die dicht gedrängte Gesellschaft auf und auf der Hintergrund klart auf.

In der Mitte dann zwei Figuren, die sich unterhalten. Beide Figuren scheinen bis auf ein paar Stiefel keine besonders auffällige Kleidung zu tragen. Die Aussagen des Ersten zeugen von Angst: „Die Begnangen … tausende Begnangen … Wir sind verloren …“Worauf der Zweite beschwichtigend, sich aber der Gefahr bewusst, antwortet: „Nein … Wir müssen fliehen … Das bisschen Saft, das uns geblieben ist, müsste ausreichen.“ Auf der rechten Panelhälfte wird der Hintergrund heller und die Figuren erzeugen durch ihre Größe zu den anderen Figuren eine Distanz.

Für uns bleibt bei der Betrachtung dieses Panels unklar, ob die homogene Menschenmasse, Begnangen sind und welche Gefahr von ihnen ausgeht. Was jedoch interessant ist, fällt erst bei genauerem Hinschauen auf. Um die beiden sprechenden Figuren lässt sich, durch kleine Striche angedeutet, ein Effekt ausmachen. Was diesen Effekt bedingt, was zuvor passiert ist und wie sie mit welchen Saft fliehen wollen, bleibt vom Einzelbild ausgehend unklar.

Schauen wir uns also die ganze Seite an. Vier Panels sind zu sehen. Das Panel der Woche nimmt die Position zwischen der ersten und der letzten Reihe ein – ein verbindendes Element also. Sucht man aber die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Panel, so entsteht durch den Hintergrund keine ersichtliche Kontinuität. Man muss annehmen, dass die beiden Figuren auf dem ersten Panel, von der Energie getroffen, verschwinden und zu ihrer eigenen Verwunderung in dem Raum mit den Begnangen wieder auftauchen – verdeutlicht durch die Striche um die Figuren.

Der Sprung zum dritten Panel wirkt ähnlich verworren, doch diesmal erläutert die caption „und nach einer überstürzten Flucht …“, das die Figuren sich an einem anderen Ort aufhalten, der von Blumen überfüllt ist. Auch von jenem Ort will geflohen werden. Das vierte Panel springt wieder zu einer anderen Perspektive. Diesmal ist es aber die Figur von Panel eins, die die Protagonisten erst auf ihrer Reise geschickt hat und laut caption ein Bakalit ist. Die Seite scheint an diesem Punkt einen Kreis zu vollführen und sich wieder zu schließen, sich hermetisch abzuriegeln.

Auch nach Betrachtung der ganzen Seite bleiben entscheidende Information, z.B. welche Gefahr von einem Begnangen ausgeht, ungeklärt, obwohl sich die Handlung am Ende wieder schließt. Eben dies ist ein Alleinstellungsmerkmal von Möbius‘ Comic Die Hermetische Garage. Der Comic hält sich zwar an die Erzählkonventionen des Comics, führt sie aber dennoch ad absurdum. In fast jedem neuen Panel erscheint ein neues unaussprechliches Wesen, wird eine bestimmte Gegend oder eine Gerätschaft eingeführt, ohne ihren Platz in der Welt oder ihren Nutzen zu erläutern.

Welchen Sinn macht die Form des Comics, die auf dem Vorwissen eines jeden einzelnen Panels die Handlung, das Erzählte, ausbreiten kann. Jedes Bild ist ein neues Abenteuer, das aber nur sehr ungenau an seine Vorgänger anschließt. Gerade diese unkonventionelle Art zu Erzählen, ein „automatisches Schreiben“, macht die Form von Die hermetische Garage zu einem Unikum, das auf die Erzählweise des Comics aufmerksam macht.

Abbildung: ©Cross Cult/Möbius