Hingeschaut (21): Kreidestriche

Neben einer Fülle von Bildern, bunten Farben und immer neuen Panelformen, ist die Linie das einfachste aber auch effektivste Handwerkszeug des Comiczeichners. Mit ihr trennt er den Himmel von der Erde, zaubert er ein Lächeln auf das Gesicht seines Helden und beschleunigt einen geschwungenen Haken. Schauen wir allzu oft nur auf das Gesamtkunstwerk, lohnt sich immer auch ein Blick auf einen einzelnen Strich.

Der Spanier Miguelanxo Prado, bekannt durch sein Der alltägliche Wahn und als Organisator des zweitgrößten Comicfestivals Spanien, hat dem einzelnen Strich (in der Landschaft) ein ganzes Comicalbum gewidmet. Eine weiße Linie, ein Kreidestrich, der in gleichnamigen Album vom Übersetzer fälschlicherweise in seinen Plural verkehrt wurde: Kreidestriche (ehapa Comic Collection).

Das ausgewählte Panel, das wir heute näher anschauen wollen, stellt Perspektive vereinfacht dar, spiegelt aber gleichzeitig gekonnt das Leitmotif des Comics wieder. Auf Seite 23 ist es das dritte Panel.

Das Panel wird im Querformat dargestellt und ist klar strukturiert. Drei unterschiedliche Ebenen verlaufen wie mit dem Lineal gezogen vom rechten zum linken Panelrand: Im unteren Drittel symbolisieren starke Kontraste von Hell und Dunkel das Meer. Die so evozierten Wellen schmiegen sich an die weiße Fläche im Zentrum an.

Die weiße Fläche selbst ist noch einmal unterteilt. Am unteren Rand ist ein weiterer Absatz erkennbar. Allein anhand dieser Informationen ist es nicht auszumachen, was diese Unterteilung verdeutlichen soll. Erst zwei kleine Figuren am rechten Panel Rand geben das Gefühl von Dreidimensionalität: Ein Mann und eine Frau bewegen sich auf der oberen Kante der Fläche, gestehen dem Panel Tiefe zu. Der Rock der Frau bewegt sich und suggeriert im Einklang mit den Wellen einen windigen Tag. Die Figuren bewegen sich auf den linken Panelrand zu, an dem ein mannshoher Pömpel steht.

Das obere Drittel hat eine bläulich-violette Grundfärbung mit grau-rosa Schlieren auf dem schwarze und weiße Striche zu erkennen sind. Anhand bekannter Darstellungskonventionen lässt sich relativ leicht an der oberen Bildhälfte ablesen, dass es sich um den Himmel handelt, die Schlieren somit Wolken in der Abendsonne und die schwarzen und weißen Striche Vögel sind.

In den Himmel geschrieben steht ein Text, ganz ohne Sprech- oder Gedankenblase:

Du sagtest es neulich selbst: Ein Leuchtturm ohne Licht, eine riesige Mole fast ohne Schiffe, eine Gaststätte fast ohne Gäste…

Adressat und Sprecher sind ausgehend von dem einen Panel nicht nachvollziehbar; es ist unklar, ob hier ein Dialog oder ein innerer Monolog stattfindet, und wer überhaupt der Adressat ist. Der Inhalt der Nachricht ist eine nicht weiter bestimmbare Ortsbeschreibung. Man könnte annehmen, dass es sich bei der weißen Fläche um die „Mole“, den Bootsanleger handelt.

Verlassen wir den Fokus auf das einzelne Panel, so sehen wir fünf weitere Panels, die den Spaziergang und den Dialog des Pärchens nachzeichnen. Beachtlich an der Darstellung: Prado hat für jedes einzelne Panel eine andere Perspektive gewählt. Eine Darstellungsmethode, die im Film für Verwirrung sorgen würde, da der Dialog und die Aktion des Spazierens nur schwer für den Zuschauer nachvollziehbar wäre. An diese Stelle würde im Film sicherlich ein simpler Schuss-Gegenschuss verwendet. Im Comic erzeugt Prado die Kohärenz der Bilder durch den Fokus auf die beiden Figuren.

Prado hat mit Kreidestriche einen Comic in Pastellfarben geschaffen, der realistisch, irgendwie greifbar, aussieht, es aber nicht ist. Denn obwohl sich die beiden Protagonisten miteinander unterhalten, findet eine wirkliche Konfrontation nicht statt. Jeder von ihnen hat sein Schiff an der jeweils anderen Seite der Mole, des Kreidestriches, angelegt. Der Kreidestrich muss von mehreren Seiten betrachtet werden und selbst dann lässt sich sein Geheimnis nicht ergründen.

Abbildung: © ehapa Comic Collection/Miguelanxo Prado