Neues aus dem (digitalen) Zettelwald Teil 1

Comic-Wissenschaft ist ein hartes Brot: Obwohl der Bedarf an wissenschaftlichen Publikationen in der Welt der wirklichen Bücher zunimmt, sind viele Wissenschaftler, Redakteure oder Enthusiasten auf Journals angewiesen, um ihre Forschung dem gediegen Leser anzubieten. In Deutschland scheint man noch gefühlte Lichtjahre von diesen Entwicklungen entfernt. In England und Amerika hingegen florieren diese Magazine sowohl im Internet als auch anderswo. Da gerade die neuste Ausgabe von ImageText erschienen ist, möchte ich mein Blog nutzen, um in gebührendem temporalen Abstand ein paar dieser Journals vorzustellen.
Fangen wir doch gleich mit dem ersten an: Das Journal ImageText, eine Wortkreation von W.J.T. Mitchell, dem Vater des pictorial turn, bietet seit mehr als fünf Jahren in wechselndem Turnus wissenschaftliche Betrachtung von Comics, Besprechungen von Sekundärliteratur und Ausstellungen. Das Journal beeindruckt zunächst mit der schieren Aneinanderreihung von bekannten Namen von Künstlern (Chris Ware, Alan Moore oder Neil Gaiman) und Wissenschaftlern (Donald Ault, Charles Hatfield oder auch Joseph Witek). Bei genauerem Hinschauen wird deutlich, dass diese Zugpferde eine ganze Riege an spannenden jungen Wissenschaftler im Schlepptau haben.

Die wichtigsten Information ist vielleicht, dass Imagetext keine Gebühr für das Lesen und Herunterladen der Texte fordert. Selbstverständlich kommt dadurch die Frage der Qualität auf, denn wenn etwas kostenlos ist, dann glaubt man es sei automatisch billig. Um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen veröffentlicht ImageText nur peer-reviewed papers, soll heißen, dass die Texte anonym an das Editorial Board weitergeleitet werden. So können die Wissenschaftler unabhängig von Titel und Publikationsliste des Autors entscheiden, ob seine Forschung den Standards entspricht und in das Programm des Journals passt.

Neben umfangreichen Spezial-Ausgaben, die sich ausschließlich Kindercomics, dem Werk von Neil Gaiman und den Wechselwirkungen von Comics und William Blakes Werk widmen, überzeugt Image-Text gerade in den neueren Ausgaben durch die exakte Formatierung und ansprechendes Bildermaterial im Text. Fußnoten, Querverweise und ausführliche Bibliografien weisen dem Leser nicht nur den Weg, sondern geben ihm auch das Gefühl auf den Spuren des Comicenthusiasten zu wandeln. Selbstverständlich sind die Fußnoten durch Hyperlinks mit den Textpassagen verlinkt.

ImageText hat den Anspruch innovative Forschung auf dem Gebiet der Comics zu präsentieren. Diese Aufgabe gelingt dem Magazin nicht nur vortrefflich sondern auch, und so gehört es sich für ein wissenschaftliches Comic-Journal, grafisch.

Call for Papers

Nachdem ich in letzter Zeit die eigentlich Aufgabe des Blogs, die Comicforschung schmählich vernachlässigt haben, hier zumindest ein deutscher Call for Papers. Also alle deutschen Comicwissenschaftler und die die es werden wollen aufgemerkt:
CFP: Bilder des Comics: Visualität, Sequenzialität, Medialität

Gesellschaft für Comicforschung (ComFor)
5. Wissenschaftstagung
Bilder des Comics:
25.-27. November 2010
Justus-Liebig-Universität Gießen


Deadline: 28. Februar

Call for Papers

Seit dem sogenannten „Iconic Turn“ haben sich in den Humanwissenschaften neue Forschungsansätze und Untersuchungsgegenstände etabliert. Weit über ästhetische Fragestellungen hinaus sind Themen der Bildlichkeit keine Marginalie mehr, sondern stehen im Zentrum des kulturellen Selbstverständnisses der Moderne. Die mediale Fokussierung auf Techniken und Praktiken der Schriftlichkeit und oralen Kommunikation wird so durch Kriterien einer bildlichen, visuellen, ikonischen Erschließung und Produktion von Welt ergänzt und wesentlich erweitert. Diese These ist für die modernen Gesellschaften um so überzeugender, als deren Alltagswelten stark geprägt sind von der Präsenz von Bildern und ganzen Bildwelten. Wenn sich kulturelle Realität u.a. maßgeblich über Medienrezeption erschließt, dann muss die Wahrnehmung von Bildern ebenso wie die Kommunikation und Sinngebung über Bilder als kulturell relevant akzeptiert werden. In Frage steht dabei unter anderem, ob es eine Sprache oder vergleichbare Semiotik der Bilder gibt – oder ob Bildlichkeit vielmehr einer Eigenlogik folgt, die sich auch in den kulturellen Repräsentationsmodi niederschlägt, welche das Bildliche zwischen den Individuen und kulturellen sowie gesellschaftlichen Zusammenhängen vermitteln. Sofern Bilder außerdem stets an mediale Träger gebunden sind, ist nach deren Spezifika zu fragen. Im Anschluß an McLuhan ist schließlich davon auszugehen, dass ein spezifisches Medium auch spezifische Weisen der Kommunikation und der Rezeption ausbildet, also kulturelle Bedeutungslagen eigensinnig gestaltet. Die gleichzeitige Manipulation und Ermöglichung von Wahrnehmung, insbesondere durch seinen ikonischen Index, ist jedem Medium daher eingeschrieben.

Speziell eine über Bilder getragene Form wie der Comic bietet sich für eine Untersuchung dieses Aspekts an: Comics sind seit ihrer modernen Konzeption in besonderer Weise Ort und Anlaß für gesellschaftliche, künstlerische und akademische Reflektionen über die sich wandelnde Orientierung auf Bilder gewesen, sie sind damit zugleich Schauplatz, Archiv und Testgelände für zahlreiche mediale Veränderungen gewesen. Denn wenn sich Gesellschaft nach Flusser tatsächlich in Richtung einer zunehmenden Betonung ikonischer Zeichen bewegt, dann stellt der Comic eine Schnittstelle in der Generierung von Bedeutung mittels Schrift und mittels Bildlichkeit dar. Elemente der Schriftkultur und des Lesens verbinden sich hier mit solchen eines sequentiellen Sehens, das narrative Kontexte jenseits der reinen Ikonographie erst erschließt. Die Repräsentation des Bildes, der Sog der Wahrnehmung beim Rezipienten, die Genese eines kohärenten Wirklichkeitszusammenhangs im Zuge semiotischer Prozesse, die Erstellung von Formen artifizieller Präsenz im Comic ist daher zu untersuchen. Fragen aus diesem Spektrum wird die 5. Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) aufgreifen und diskutieren.

Datum: 25.-27. November 2010

Ort: Justus-Liebig-Universität Gießen

Organisation: PD Dr. Jörn Ahrens, Justus-Liebig-Universität Gießen

Abstracts: Themenabstracts von maximal 300 Wörtern Umfang richten Sie bitte bis spätestens 28. Februar 2010 per Email an Jörn Ahrens (joern.ahrens@sowi.uni-giessen.de). Das Abstract soll den Titel sowie das Anliegen des Vortrags, eine kurze biobibliographische Angabe sowie Name, Email-Adresse und Anschrift enthalten. Die Vortragsdauer liegt bei maximal 30 Minuten.

Forum: Die ComFor öffnet auch in diesem Jahr ein Forum als Werkstatt für die Vorstellung und Diskussion laufender und geplanter Forschungsprojekte zu jedem Aspekt der Comicforschung. Hier kann insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs seine Arbeit etwa im Rahmen von Qualifikationsarbeiten vorstellen. Abstracts folgen der oben beschriebenen Form und Einreichfrist; die Vorträge sollen eine Dauer von 15 Minuten nicht überschreiten.

Unterkunft: Eine Liste mit Hotels wird Ihnen mit den Tagungsunterlagen zugeschickt.

Comic-Tagung mit ComFor

Comics und Wissenschaft. Zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht viel gemein haben. Doch je mehr die populäre Erzählform, der Comic, in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses gerückt wird, desto mehr Wissenschaftler finden sich, die die graphischen Erzählungen genauer diskutieren wollen.
Ein Forum für solche Wissenschaftler und Interessierte bietet die Universität Köln vom 6. bis zum 8. November 2009. Dort findet zum vierten Mal die Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung statt. Thema dieses Jahr ist mit “Erzählen im Comic” recht allgemein gehalten. Die Tagung wird organisiert von der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien (ALEKI).

Weitere Informationen finden sich hier und das komplette Programm hier.

Update: Autor und Comicspezialist Klaus Schikowski hat mit “Das Geheimnis der schwarzen Löscher” auf dem Comicportal von tagesspiegel.de eine gute Zusammenfassung der Konferenz verfasst.

Abstract Comics: A German Perspective

Much has been said and written about Andrei Molotiu’s new Anthology Abstract Comics. Although the critical voices arrive at different conclusions about the work, one statement remains unchallenged: Abstract Comics challenges our general perception of comics as an artform. We are tossed into a collection of abstract pictures devoid of any form of conventional narration, yet the cover and the panels confirm that we are looking at comics. Whether this is true or not, it still questions our general understanding of comics. Do they need a plot or even a consistent narration?

In Germany Abstract Comics has the possibility to strike a chord in a discussion about comics, which is overwhelmed by an amorphous debate about the Graphic Novel. Being the country of Dichters und Denkers these debate are always guided by Eisner’s remark about a certain quality of the story told. You can imagine how scholars, booksellers, readers, and publishers argue which comic to promote with the privileged status of a Graphic Novel and which not. Molotiu’s collection might give the option to question these debates. As there are no narrations present, how do we judge these “comics” and are they really comics? Even if the verdict is against abstract comics, the reflection itself might shed a new light on other comics, too.

The most interesting observations about Abstract Comics is certainly the concentration on the panels themselves. While narrative comics focus on the gutter between the panels, the reader is scanning the abstract panels for some kind of resemblance, in an fruitless effort to make sense of it all.

Molotui’s cosmos of abstract comics is constantly evolving on his blog.

For the review of Abstract Comics in German be sure to look here:
“Gib mir ein Zeichen”