Hingeschaut (18): Wie es am Anfang war …

Komplikationen beim Betrachten eines einzelnen Panels ergeben sich meist, wann man sie aus dem Kontext ihrer Kollegen reißt und alleine betrachtet. Als würde man ein Glied aus einer Kette entfernen, das ohne die anderen Glieder wenig Sinn ergibt. Doch hat sich gezeigt, dass auch die Analyse eines einzelnen Panels Rückschlüsse auf die Panel-Kette zulässt.

Wie sieht der Anfang einer solchen Kette aus? Man sollte annehmen, dass ein Comic hier erst erläutern wird, dass eine Exposition in die Geschichte hilft, oder zumindest eine Synopsis erklärt, was letzte Folge passiert ist. Wie die Anfänge in der großen Weltliteratur beugen sich auch Comics diesem Credo nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn bereits die literarische Vorlage der heute zu besprechenden Adaption, sich den Gesetzen des Geschichtenerzählens bewusst widersetzt.

Beginnen wir diesmal also von vorne, von ganz vorne: Das Panel der Woche stammt aus Martin Rowsons Adaption von The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Die gesamte erste Seite nimmt ein einziges Panel ein. Diese Form des splashpanel (ganzseitiges Bild) wird oft für Einleitungen verwendet, da man den ganzen Platz nutzen kann, um dem Leser sowohl Szenerie als auch Charaktere vorzustellen. Aber greifen wir mit der Interpretation nicht vor, sondern stürzen wir uns ins Großbritannien von Tristram Shandy, Gentleman.

Wir blicken auf ein schwarz-weißes Panel. Obwohl es keinen eigenen Rahmen hat – da es sich als splashpanel die Seite nicht mit anderen teilen muss – hat Rowson ihm durch einen komplett in schwarz gehaltenen Torbogen einen internen Rahmen gegeben. Wie durch ein Fenster blicken wir in eine steinerne Kerkerwelt. Durch Schraffuren und Kontraste erzeugt Rowson eine Szenerie, die an die labyrinthartigen Welten von M.C.Escher erinnert. Welche Abenteuer erwarten den Leser in dieser Welt?

Während der Kerker im Hintergrund darauf wartet, dass er betreten wird, sammeln sich im Vordergrund einige Figuren mit Perücken: Ein Mann mit Feder und Papier notiert etwas in der Ecke sitzend, ein Pärchen scheint im Gespräch zu sein, doch redet nur der Mann mit Hut und erhobenem Stock. Seine säuselnde Sprechblase, grafisch durch deren Ecken hervorgehoben, nimmt das komplette Zentrum des Panels ein und gibt den Originaltext des Romans etwas gekürzt wieder:

„I wish my father or my mother, or indeed both of them, as they were in duty both equally bound to it, had minded what they were about when they begot my; had they duly considered how much depended upon what they were doing, I am verily persuaded I should have made a quite different figure in the World from tha in which the reader is likely to see me.-„

Rowson bemüht sich in dieser Rede um die aberwitzige Perspektive des Erzählers, der in Retrospektive vor den Zeitpunkt seiner Geburt zurückgeht und über seine eigentliche Zeugung lamentiert. Dies tut er nicht, ohne am Ende den Leser als „reader“ direkt anzusprechen und auf die literarische Welt, die er liest, zu verweisen.

Die direkte Anrede setzt Rowson bildlich mit der Figur im Vordergrund fort. Ein perückter Mann grinst dem Leser direkt ins Gesicht und zeigt, dass nun „Volume I“ folgt. Aus der Perspektive wird nicht ganz deutlich ob sich die Figur in derselben Realität bewegt wie die anderen Figuren. Aber gerade diesen schmalen Grad zwischen der Lesewelt und der Welt in der die Figuren sich bewegen, bereisen Sterne und Rowson.

Ebenso wie diese Figur wird beim Umblättern deutlich – eine Analyse des gesamten Seiten-Layout entfällt ja diesmal – dass der detailverliebte Kerker keine weitere Rolle im Comic spielen wird. Wie eine billige Pappkonstruktion im Schultheater wird die Kulisse im ersten Panel auf Seite zwei noch einmal benutzt und dann im zweiten Panel durch eine ganz andere Szene ersetzt.
 
Wenn die Aufgabe des ersten Panels in einem Comic, die ist, den Leser einzuladen, dann hat Rowson auf ganzer Linie versagt. Falls aber die eigentliche Aufgabe darin besteht, auf den weiteren Verlauf der Handlung vorzubereiten, dann könnte Rowson dies nicht besser tun.  

The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman eröffnet eine literarische Welt, die konsequent auf die eigene Konstruktion hinweist, sich über sie lustig macht und mit ihr spielt. Rowson bietet mehr als nur eine Illustration des britischen Klassiker. Er sucht nach Möglichkeiten, die Irrwitze unserer modernen Welt und der von Tristram Shandy grafisch darzustellen: Rowson erzählt und zeichnet einen kotzenden Wal, hüpfende französische Dekonstrutionisten, eine Oliver Stone Verfilmung von Tristram Shandy und scheut auch die digitalisierte Seite nicht.

All das setzt Rowson grafisch intelligent um. So sollte die moderne Adaption eines Klassikers aussehen.

Abbildung: © Picador/Martin Rowson

Hingeschaut (17): Kondensierter Humor

Die deutsche Comiclandschaft möchte uns derzeit weiß machen, dass nur Comics, die schwer in der Hand liegen und sich mit ebenso schweren Themen beschäftigen, vermarktbar sind und das öffentliche Ansehen dieser Kunstform aufpolieren. Dem einzelnen Panel ist es aber reichlich egal, ob es in einem hundertseitigen Folianten – mit dem Aufkleber „Graphic Novel“ versehen – erscheint oder in einem kurzen Comic Strip zu sehen ist. Letztere Form erfreut sich gerade bei den Webcomics großer Beliebtheit. Ein Grund mehr dort mal genauer hinzuschauen.

Nachdem die letzten drei Beispiele von Hingeschaut von einer Blutsverwandten ausgewählt wurden (vielen lieben Dank, kleine Schwester) habe ich das Panel der Woche diesmal wieder selber ausgesucht. Das es sich um einen Webcomic handelt, gibt es keine Seitenzahl, sondern nur eine URL. Um ganz ehrlich zu sein, ist der Webcomic auch unter dem Titel The Trail of Colonel Sweeto and other stories von Nicolas Gurewitch (erscheinen bei Dark Horse) als Buch verlegt worden, nur habe ich die Seitenzahl verlegt. So viel zur Theorie, dass etwas schwer sein muss, um sich zu verkaufen.

Das Panel ziert die dritte Position von vier. Während die Linien, die das Panel unten und rechts begrenzen, gerade gezogen sind, verlaufen die Seitenbegrenzungen oben und links leicht geschwungen. Was wir darauf sehen, ist das Porträt eines älteren, bärtigen Mannes. Er trägt eine kronenartige Kopfbedeckung und eine hellblaue Toga. An Schulter, Oberarm und Handgelenk setzt sich diese altmodische Kleidung fort: Dort ist er mit einer silbergrauen Panzerung mit Verzierungen bekleidet. Mimik, Gestik und Kleidung vermitteln den Eindruck, dass es sich hier um einen König oder anderen Adeligen handelt, vielleicht sogar um eine Sagenfigur.

Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass die sagenhafte Figur gar nicht so sagenhaft aussieht. Die Krone erstrahlt nicht mehr im Glanz alter Tage, sondern wird durch herunterhängende Algen mit dem Charme von Strandgut versehen. Auch die Augenpartie der Figur erschließt sich erst bei genauerem Hinschauen als debiles Schielen und sein Bart erscheint auch recht ungepflegt. So bricht Gurewitch das Bild vom Meereskönig. Dies fällt aber nur auf, wenn wir die kondensierte Form des Comic Strip nicht schnell an uns vorbei ziehen lassen, sondern genau hinschauen.

Umrahmt wird das Panel von zwei Sprechblasen. In Lettern mit Kapitälchen und antiquierter Sprache, fordert der Mann seinen bis dato nicht sichtbaren Zuhörer auf, sich ihm anzuschließen („Join me„) und mit ihm gemeinsam etwas Neu anzufangen („Let us begin anew„). Sicherlich ein edler Wunsch, der dem adligen Antlitz des Seeregenten entspricht. Doch in welchem Kontext steht diese Aussage?

Der Titel von Gurewitchs kurzem Comic Strip lautet: „Atlantis„.Wir sehen vier Panels. Auf dem ersten trauert ein kleiner Jungen seiner Sandburg, die von der Brandung zerstört wurde. Auf dem zweiten Bild erblickt der junge die Figur des alten Mannes auf ihn zukommen. In seiner direkten Rede nimmt er Bezug auf das erste Panel: „I, too, have lost a kingdom„.

Was erst auf dem letzten Panel deutlich wird, ist die Brechung der vorgetäuschten Position der Figur. Der Mann ist nämlich ein „Sex Offender„, ein gesuchter Sexualstraftäter, der von der Polizei abgeführt wird. Zwischen unserem Panel der Woche und der abschließende Pointe liegt nur ein Panelübergangm, ein gutter. Wie bei all seinen Comic Strips liegt genau hier die bitterböse Kraft des dunkelschwarzen Humors. Mit Perry Bible Fellowship drängt Gurewitch seinen Zuschauern die Details förmlich auf. Manche Point erschließt sich erst durch nochmaliges Lesen des Strips oder auch nur durch den Titel.

Abbildung: © Dark Horse/Nicolas Gurewitch

Hingeschaut (16): Wie man es dreht und wendet …

Greift man, ohne zu gucken, nach einem Buch, müssen die Augen erst die Buchstaben fokussieren, damit man erfährt, ob man am richtige Ende zugepackt hat. Bei einem Comic ist die Sache klarer, da die Panels für eine schnellere Orientierung sorgen. Wenn die Panels auf dem Kopf stehen, ist sofort klar, wo oben und wo unten ist und der Comic wird kurzerhand umgedreht.

Bei dem Panel der Woche aus Katharina Greves Comic Ein Mann geht an die Decke (Die Biblyothek) sieht der Sachverhalt schon ein wenig anders aus. Das fünfte, hochkant ausgerichtete Panel auf Seite 28 stellt die Frage, ob oben wirklich oben ist.

Die grafische Darstellung präsentiert sich in nüchternem Schwarz-weiß. Die von Greve verwendete ligne claire lässt sich mit Fug und Recht als deutsche Interpretation von Hergés Zeichentechnik bezeichnen, da alle Zeichnung eine zielstrebige Gradlinigkeit aufweisen. Rechte Winkel und Symetrieachsen bestimmen das Panel.

Wir sehen einen Raum, der genauso wie das Panel hochkant angeordnet ist. Sowohl die geöffnete Tür, die zwei Stühle und der Tisch als auch das Bücherregal erwägen den Eindruck, dass man das Comic drehen sollte. Allein die Bücher im Regal und das Telefon im Beistelltischchen trotzen der Überzeugungskraft ihrer Behausung. Wie gehen die Figuren mit diesem Sachverhalt um?

Betrachtet man ein Panel, geht man im Normalfall davon aus, dass sich alle Figuren und die Requisiten an die gleichen physikalischen Gesetzen halten. Im Beispielpanel sieht die Sache anders aus: Im rechteckigen Panel sehen wir drei Figuren. Die Majorität der Charaktere scheint Gefallen an der perfiden Situation mit der Schwerkraft gefunden zu haben. Einzig die Figur in der Mitte verhält sich korrekt der newtonschen Gesetze und bedarf einer Strickleiter, um die vertikale Distanz von der Tür zu ihrem Sitzplatz zu überbrücken.

Machen wir mal ein kleines Experiment und drehen das Panel um 90 Grad im Uhrzeigersinn:

Die Auflehnung gegen die Naturgesetze hat gesiegt, die Revolution ist beendet und der Nachzügler kraxelt wirkt wie ein Clown auf ein Strickleiter am Boden entlang.

Richten wir das Panel wieder auf und lösen dabei den Kontext auf, in dem das Panel steht, liegt oder hängt. Die Seite ist in sechs Panel eingeteilt, wobei die ersten vier und die letzten beiden dieselbe Form haben. Bereits auf den ersten vier Bildern wird eindeutig geklärt, dass der Protagonist, DER Franz, noch mit sich und der Schwerkraft ringt.

Zwischen dem zweiten und dem vierten Panel macht Greve unmissverständlich klar, das Franz sehr wohl ein Problem mit dem „Kommen Sie rein“ hat, da es für ihn einem „Kommen Sie runter“, einem Sprung in die Tiefe, gleichkommt. Aus diesem Grund wird für ihn auch die Strickleiter ausgerollt, die sich im sechsten Panel per Knopfdruck wieder zurückzieht.

Nachdem das Eintreten von Franz einem Kraftakt gleicht, versucht seine Gastgeberin durch eine Smalltalk wieder Normalität einkehren zu lassen: „Sitzen Sie bequem?“ Beschließen möchte ich diesen Eintrag mit der simplen Antwort von Franz, der aussieht wie ein Astronaut vor dem Start: „Es ist mehr ein Liegen“.

Comicgate-Kollegin Frauke Pfeiffer hat den Comic hier besprochen.

Katharina Greves Homepage.

Abbildung: © DieBybliothek/Katharina Greve

Hingeschaut (16): Panelstarren

In den vergangenen Folgen von Hingeschaut hat sich immer wieder bewiesen, dass ein Panel erst in einer Reihe von mehreren Panels sein volles Potential entfaltet. Zwar liefert das einzelne Bild viele Informationen, doch ist der Prozess der Entschlüsslung eines einzelnen Panels ohne die gesamte Abfolge der Handlung oftmals unmöglich. Umso mehr wird diese Tatsache deutlich, wenn man bei einem Panel hinschaut, das einen Wendepunkt in der Handlung markiert.

Das Panel der Woche hat der Großmeister des japanischen Comic gezeichnet, Osama Tezuka. Im ersten Kapitel von Barbara (erschienen bei Schreiber und Leser) mit dem Titel „Die Verkäuferin“ leitet das Panel die Seite 14 ein.

Aus der Froschperspektive sehen wir außer einer jungen Frau nicht viel auf dem Panel. Fast waagerecht liegt die Dame in rechteckigen Panel und füllt den vorhandenen Platz ganz aus. Ihre Pose im Panel wirkt steif. Sie trägt einen kurzes Kleid, welches durch die Perspektive hervorgehoben wird. Selbstverständlich lässt sich durch die Kleidung und durch die Perspektive hier von male gaze sprechen. Soll heißen, der Körper der Frau wird sexuell aufgeladen, da er stets nur von einer männlichen Perspektive aus betrachtet wird.

Die Aufteilung des Panels verstärkt diesen Aspekt und liefert viele Informationen. Was zunächst wie ein gutter, eine Trennlinie zwischen zwei Panels, aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als gläserne Tischplatte auf der die Frau ungelenkt ihre Finger abgestellt hat. Durch diese Information wird deutlich, dass auch der gesamte Raum rechts von ihrer Hüfte Teil des durchsichtigen Tresens und somit kein neues Panel ist.

Abgesehen von der Frauenfigur ist die restliche Ausstaffierung des Panels interessant zu betrachten. Tezuka hat den Oberkörper der Figur mit geraden Linien umgeben. Diese Linien haben zwei Funktionen: Zum einen verlaufen sie parallel zur Frauenfigur und umschließen sie in einer Form von Stasis. Ganz im Gegensatz zu speelines, die horizontal ausgerichtet wäre und den Körper Mobilität verleihen würden. Zum anderen lassen sie den männlichen Blick an dem Oberkörper hinabgleiten und führen ihn direkt zu den rechten Teil des Panels.

Außerdem ist das Panel mit dekorativen Schatten versehen. Während die amorphen schwarzen Gebilde den Blick auf die Frau richten, dienen die beiden arabesken Schatten in der linken Panelhälfte als Zierde. Zusammen mit der Frisur und Figur der Frau wirkt diese Hälfte wie ein Bild, das durch die Epoche des Jugendstils inspriert wurde.

Ebenso wie der Blick des Leser so fällt auch der Blick des Protagonisten, des Autors Yosuke Mikura, auf die junge Dame. Obwohl auf der vorangegangen Seite schon ein kleines Panel mit ihr gezeigt wird, zeigt dieses Panel hier die erste Begegnung der beiden Figuren. Das Panel der Woche ist also eine Vorstellung der neuen Figur. Mikura ist sofort bezaubert von ihr, redet mir ihr und verzerrt sich nach ihr. Erst im Laufe der Handlung wird deutlich, was in diesem Panel schon angedeutet wird.

Geschickt hat Tezuka hinter der Starre der Hände, der Führung der Linien, die gewählte Pose und Perspektive die Tatsache versteckt, dass „Die Verkäuferin“ keine Verkäuferin ist, sondern eine Schaufensterpuppe. Die male gaze hat sich also in ihrer eigenen Gier nach der Weiblichkeit selbst betrogen.

Selbst bei genauem Hinschauen lassen sich bestimmte Informationen nicht entschlüsseln. Erst rückblickend wird deutlich, was hier subversiv eingeflochten wurden.

Eine ausführliche Besprechung von Tezukas Barbara findet sich unter www.comicgate.de.

Abbildung: © Schreiber und Leser/Osama Tezuka